Session 3: Die Rolle der Sozial- und Geisteswissenschaften zur besseren Nutzung von IPBES-Ergebnissen

Wie hat sich die Lage der Sozial- und Geisteswissenschaften im IPBES in den letzten 10 Jahren entwickelt und welche Beiträge leisten diese Disziplinen zur Verbreitung und Umsetzung von IPBES-Ergebnissen?

Die Arbeit von IPBES basiert auf Arbeitsgrundsätzen (‚operating principles‘). Hierzu gehört auch die Verfolgung eines multidisziplinären und interdisziplinären Ansatzes. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen sowie verschiedene Wissensformen (bspw. indigenes und lokales Wissen) fließen daher in IPBES-Arbeiten und -Prozesse ein.

Um Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich die Sozial- und Geisteswissenschaften mit ihren Wissensbeständen stärker in die Arbeiten des Weltbiodiversitätsrats einbringen können, wurden in der deutschsprachigen IPBES-Community zwischen 2015 und 2018 verschiedene Impulse gesetzt und wissenschaftliche Diskussionen durch die Deutsche IPBES-Koordinierungsstelle im Auftrag von BMUKN und BMFTR angestoßen.

Eine Aufstellung dieser Aktivitäten mit zentralen Ergebnissen finden Sie hier. 

Warthane Puvanarajah, Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit

DLR | Leon Jakobs

Nach gut zehn Jahren wurden die Diskussionen in dieser Session unter der Leitung von Warthane Puvanarajah, Referentin des Referates „Internationale Angelegenheiten der biologischen Vielfalt“, BMUKN, erneut auf die Sozial- und Geisteswissenschaften gerichtet.

Der Impulsvortrag von PD Dr. Jens Jetzkowitz und Dr. Anke Blöbaum stellte zunächst die Ergebnisse der unmittelbar vor dem Forum durchgeführten standardisierten Onlinebefragung der Teilnehmenden des 12. Nationalen Forums zu IPBES vor. Dabei wurden die Hintergründe der Teilnehmenden, Einschätzungen der Rolle von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler in IPBES Prozessen sowie deren Erfahrungen in multi- und interdisziplinären Prozessen beleuchtet. Potenziale, die Rolle von Sozial- und Geisteswissenschaften weiter zu stärken, sahen die Vortragenden darin, Assessments verstärkt auf die Identifizierung von Umsetzungspotenzialen auszurichten und sozial- und geisteswissenschaftliche Expertinnen und Experten wirksamer in die Verbreitung und in Diskussionen zur Umsetzung der IPBES-Ergebnisse einzubeziehen. Hierfür sei es von entscheidender Bedeutung, dass die interne Differenzierung dieser Wissenschaften nach Paradigmen und Schulen berücksichtigt werde, weil nur dann die Umsetzungs- und Problemlösungspotenziale dieser Wissenschaften optimal ausgeschöpft werden können.

Die beiden Vortragenden Dr. Anke Blöbaum und PD Dr. Jens Jetzkowitz erläutern die Beiträge und Potential von Sozial- und Geisteswissenschaften für IPBES.
(v.l.n.r. Dr. Anke Blöbaum und PD Dr. Jens Jetzkowitz)

DLR | Leon Jakobs

In der nachfolgenden offenen Diskussion zu den Beiträgen der Sozial- und Geisteswissenschaften für die IPBES-Prozesse und Umsetzung der IPBES-Ergebnisse wurden folgende Punkte genannt:

  • Sozial- und Geisteswissenschaften sind heute deutlich stärker in den IPBES-Expertengruppen vertreten, wie das Beispiel des Transformative Change-Assessments (2024) zeigt.
  • Bei der Umsetzung von IPBES-Ergebnissen geht es weniger um die Anzahl der Expertinnen und Experten aus einzelnen Disziplinen als um die Berücksichtigung der Perspektiven, Methoden und Herangehensweisen, mit denen Sozial- und Geisteswissenschaften Umsetzungen wirksamer fördern können.
  • Offenheit an Science-Policy Schnittstellen und ein "Sich Einlassen" auf den IPBES-Prozess ist für eine effektive Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen wichtig.
  • Biodiversitätsverlust wird als systemisches Risiko anerkannt und wird damit zu einem Sicherheitsrisiko. Der Diskurs zum Biodiversitätserhalt sollte daher stärker in Diskussionen und Maßnahmen zur Sicherheit bzw. sicherheitspolitisch verankert werden.
  • Ausgewogenheit bei der Beteiligung der verschiedenen Fachrichtungen: Verständnis ökologischer Prozesse bleibt essentiell, es sollten auch nicht nur gesellschaftliche Prozesse betrachtet werden. Die Natur habe auch einen intrinsischen Selbstwert, der unabhängig von seinem Nutzen für die Menschen sei. Dieses Spannungsfeld könne durch multi-, inter- sowie transdisziplinäre Arbeiten adressiert werden.
  • Fortschritte bei der Einbeziehung verschiedener Disziplinen und Wissensformen wie indigenes und lokales Wissen wurden von IPBES erzielt, Vorreiter im Vergleich zu anderen Prozessen, Frage der Praxisumsetzung steht nun im Vordergrund.
  • Zentral in IPBES ist der Einbezug der lokalen Ebene im Biodiversitätsschutz.
  • In der IPBES Task Force zu Daten und Wissensmanagement könnte die sozial- und geisteswissenschaftliche Perspektive gestärkt werden.
     

Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit ihre Erfahrungen anhand von drei Flipcharts zu den folgenden Fragen einzubringen:

  • Welche Herausforderungen sind mit einer stärkeren Einbindung der Sozial- und Geisteswissenschaften in IPBES verbunden?
  • Welche Aspekte können hilfreich sein, um interdisziplinäre Synergien in IPBES-Prozessen systematisch zu analysieren?
  • Worin besteht der wichtigste Beitrag der Sozial- und Geisteswissenschaften für die IPBES-Prozesse?
     

PD Dr. Jens Jetzkowitz

DLR | Leon Jakobs

Die Diskussionen zeigten, dass es heute weniger um die reine Anzahl von Expertinnen und Experten aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, sondern viel mehr darum geht, Problembezüge herzustellen und dann jeweils passend Disziplinen und Wissensformen in Assessment-Expertengruppen und IPBES Task Forces zusammenzustellen. Außerdem kann die gezielte Einbeziehung von geeigneten Methoden und Bewertungsansätzen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften dazu beitragen, Umsetzungspotentiale von IPBES-Ergebnissen noch weiter erschließen zu können und dadurch die Verbreitung und Nutzung von IPBES-Ergebnissen zu stärken.

Ein Teilnehmender wies außerdem darauf hin, dass auch die langjährigen Erfahrungen mit dem IPCC, UNFCCC, IPBES und der CBD gezeigt habe, dass es keiner dieser Organisationen bisher gelungen ist, die Erreichung der Ziele alleine durch eine Ausweitung der Beiträge der Sozialwissenschaften sicherzustellen. Oft könne es auch an politischem und gesellschaftlichem Willen mangeln, diese umzusetzen. Hier müssten die Sozial- und Geisteswissenschaften und auch die Naturwissenschaften weiterhin aktiv bleiben und gemeinsam Handlungsoptionen anbieten.

Daher ist ein ganzheitlicher Ansatz unerlässlich, der auf wissenschaftlichen Grundsätzen basieren muss, und so die Entwicklung realistischer Ansätze ermöglicht. Dies erfordert auch ein kontinuierliches, systematisches Monitoring der Einbeziehung verschiedener Wissensformen und Disziplinen bei der Entwicklung von IPBES-Produkten. Die Deutsche IPBES-Koordinierungsstelle wird dieses Thema weiterhin gemeinsam mit Expertinnen und Experten im Blick behalten und voranbringen.