Session 2: Das IPBES Business & Biodiversity Assessment

Wie können die Ergebnisse des Business and Biodiversity Assessment verbreitet und genutzt werden?

Leitung: Dr. Tatjana Kiesow und Marco Grimm, Deutsche IPBES-Koordinierungsstelle

Diese Session beschäftigte sich mit der übergeordneten Frage: Wie können die Ergebnisse des Business and Biodiversity Assessment verbreitet und genutzt werden? Die Vorträge, die Podiumsdiskussion und die Beiträge der Teilnehmenden sollen ein erster Beitrag, ein Anstoß zur Diskussion zur Beantwortung dieser Frage sein.

Eingeleitet wurde der Vortragsteil der Session durch eine Präsentation von Dr. Vanesa Rodriguez Osuna von der UNEP Finance Initiative. Sie ist Koordinierende Leitautorin von Kapitel 1 sowie Mitautorin der Zusammenfassung für Entscheidungsfindung. Mit ihrem Vortrag zu den Kernaussagen des Business and Biodiversity Assessments legte sie die Grundlage für das gemeinsame Verständnis für die weitere Diskussion. 

Die nachfolgenden Vorträge spiegelten den Status Quo mit Abhängigkeiten & Einflüssen, Herausforderungen & Chancen in den Bereichen Wirtschaft, Regularien und Normen wider:

  • Dr. Valerie Köcke von der „Biodiversity in Good Company“ Initiative erläuterte in ihrer Präsentation beispielsweise die globalen Kipppunkte und die daraus resultierende Gefährdung von Ökosystemdienstleistungen sowie die Auswirkungen von und auf die Wirtschaft (Doppelte Wesentlichkeit) am Beispiel der Baumwollproduktion. 

    Download der Präsentation
     
  • Michaela Sadewasser von der dm-drogerie markt GmbH + Co. KG wies in ihrem Beitrag u.a. auf den schnell wachsenden Markt für Bio-Lebensmittel hin und zeigte auf, mit welchen nachhaltigen Maßnahmen sich das Unternehmen heute bereits in Agrar-Lieferketten engagiert. Sie benannte die Herausforderungen, wie Wegfall von Produktionsflächen, Höfesterben, zunehmende Nachfrage von Bio-Produkten, ihre Verfügbarkeit und klimabedingte Qualitätsprobleme. Es seien daher keine Anreize für die Zukunftsfähigkeit notwendig, sondern Bürokratieabbau und Förderung von zukunftsfähigen, innovativen Anbaupraktiken für heimische Landwirte; eine Harmonisierung von Labeln und Verbänden sowie die Berücksichtigung des Multikapitalansatzes.

    Download der Präsentation
     
  • Ingmar Jürgens von Climate & Company benannte als zentrales Motiv für die Finanzwirtschaft hinsichtlich notwendiger Regulierungen das Risiko, dass über 50 % des weltweiten BIP von intakter Natur und Ökosystemdienstleistungen abhängen. Er führte aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) als zentrale Finanzaufsichtsbehörde Leitlinien zum Management der Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken (ESG-Risiken) innerhalb Europas festgelegt hat, die ab Januar 2026 verbindlich sind. Damit habe die EZB entsprechend der Notwendigkeiten reagiert. Die EZB warnt, dass vereinfachte EU-Nachhaltigkeitsberichtsstandards (ESRS - EU Sustainability Reporting Standards) durch die Omnibus-Initiative die Transparenz für Investoren „erheblich verringern“ können. Sie befürchtet, dass Ausnahmeregelungen für Unternehmen die Offenlegung wichtiger Daten schwächen, die für die Risikobewertung durch Investoren notwendig sind. Des Weiteren benannte er Hindernisse für den Ausbau der Sorgfaltsprüfung im Finanzsektor, wie einen Mangel an Anreizen, einen regulatorischen Flickenteppich sowie einen Mangel an vergleichbaren oder zugänglichen Daten. Gleichzeitig führte er an, was Finanzinstitute benötigen, um diese technischen Herausforderungen anzugehen und die Diskrepanz bei der Implementierung zu überbrücken: u. a. ein klares Bild, wie eine gute, praxisnahe Sorgfaltspflicht aussieht, sowie entscheidungsrelevante, standardisierte, zugängliche Daten.

    Download der Präsentation
     
  • Cyril Caurant vom DIN - Arbeitsausschuss Biodiversität nahm auf die ISO-Strategie 2021-2030 Bezug, in der der Normung zum Schutz von Biodiversität eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung zugeschrieben ist. Am Beispiel der internationalen, europäischen und nationalen Normungsgremien stellte er die Normungsarbeiten zum Thema Biodiversität sowie die erste veröffentlichte Norm „ISO 17298: Biodiversity Considering biodiversity in the strategy and operations of organization – Requirements and Guidelines“ von 2025 vor.  Er legte dar, warum internationale Normung ein Schlüssel für wirksamen Biodiversitätsschutz ist und lud zur Mitarbeit im DIN-Gremium „Biodiversität“ ein. 

    Download der Präsentation
     

Dr. Valerie Köcke, „Biodiversity in Good Company“ Initiative

DLR | Leon Jakob

Michaela Sadewasser, dm-drogerie markt GmbH + Co. KG

DLR | Leon Jakobs

Ingmar Jürgens, Climate & Company

DLR | Leon Jakobs

Cyrill Caurant, DIN-Arbeitsausschuss Biodiversität

DLR | Leon Jakobs

v.l.n.r. Ingmar Jürgens, Silke Düwel-Rieth, Gregor Laumann, Verena Klinger-Dering, Dr. Valerie Köcke, Dr. Marlene Waske, Dr. David Lam

DLR | Leon Jakobs

v.l.n.r. Ingmar Jürgens, Silke Düwel-Rieth, Gregor Laumann, Verena Klinger-Dering, Dr. Valerie Köcke, Dr. Marlene Waske, Dr. David Lam

DLR | Leon Jakobs


Podiumsdiskussion der Session mit Dr. David Lam (EDEKA ZENTRALE Stiftung & Co. KG), Silke Düwel-Rieth (WWF Deutschland), Verena Klinger-Dering (BMUKN, Referat N I 5, Internationale Angelegenheiten der biologischen Vielfalt), Dr. Marlene Waske (Mitglied des Vorstandes des Forums Nachhaltige Geldanlagen e.V.), Ingmar Jürgens (Climate & Company), Dr. Valerie Köcke (Biodiversity in Good Company‘ Initiative). Des Weiteren brachten viele Teilnehmende Fragen und Beiträge in die Diskussion ein. 

Leitung und Moderation der Paneldiskussion erfolgte durch Gregor Laumann (Deutsche IPBES-Koordinierungsstelle).

Wesentliche Punkte der Diskussion waren:

  • Alle Produkte basieren auf Ökosystemleistungen (Nature's Contribution to People - NCP). Laut dem Sustainability Transformation Monitor 2026 sind fast der Hälfte der 800 befragten Unternehmen die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf Biodiversität bekannt. Gleichzeitig kennen jedoch nur 13 % von diesen die Abhängigkeiten ihres Geschäftsmodells vom Naturkapital (lt. STM 2026). Unternehmen sind damit konfrontiert Preisstabilität, Verfügbarkeit von Produkten sicherzustellen sowie Auswirkungen und Risiken von und auf Wertschöpfungsketten zu erfassen. Für die Erfassung werden Ressourcen, Investitionen und skalierbare Maßnahmen benötigt.
     
  • Das Business and Biodiversity Assessment bildet einen guten Referenzrahmen. Es verdeutlicht die systemische Komponente, gibt konkrete Beispiele und eignet sich als Grundlage für politische Rahmensetzung und Initiativen. Hierbei gilt es Parallelstrukturen zu vermeiden und auf eine stärkere Vernetzung bereits existierender Initiativen (bspw. Unternehmen für Biologische Vielfalt - UBi) zu setzen. Jedoch sind adressatengerechte Formate erforderlich, um die Verbreitung und Nutzung der Ergebnisse zu befördern. Sinnvoll ist es die Aussagen der SPM an konkreten Beispielen aufzuschlüsseln und zu priorisieren, ohne die Komplexität der vorgeschlagenen Ansätze des Assessments, z.B. „enabling environment“ zu vernachlässigen. Es gibt nicht „die Wirtschaft“, die notwendige Übersetzungsarbeit sollte im Austausch zwischen Experten und Expertinnen, Politik, Sektoren und Wirtschaft geleistet werden. 
     
  • Auf die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) wurde Bezug genommen; in dieser haben sich ca. 600 Unternehmen verpflichtet, ihre naturbezogenen Risiken und Strategien entlang der vier Säulen – Governance, Strategie, Risiko- und Wirkungsmanagement sowie Kennzahlen und Ziele – offenzulegen. Das Assessment sollte für einzelne Sektoren und Unternehmen „übersetzt“ werden. Vorgeschlagen wurden Sektor-Arbeitsgruppen und Sektorenpfade, um einerseits die Komplexität zu reduzieren und andererseits wissenschaftlich belegte Umsetzungswege für die Ergebnisse des Assessments in Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft zu erstellen.
     
  • Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht klar definiert, daher ist bei nachhaltigen Finanzprodukten häufig unklar, welche Kriterien sinnvoll zu berücksichtigen sind. Das Zeitinkonsistenzproblem1 stellt eine erhebliche Herausforderung für Investoren dar, die kurzfristige Renditen mit langfristiger Nachhaltigkeit in Einklang bringen müssen. Einheitliches Labeling, einheitliche sinnvolle Taxonomie sowie Aufklärung von Anlegern über andere Lebenszyklen in der Finanzwirtschaft stellen mögliche Lösungsoptionen dar. 
     
  • Wirtschaftswachstum bzw. das BIP stellt nach wie vor die wichtigste Zahl dar, an dem sich politisches und wirtschaftliches Handeln orientiert. Es ist jedoch kein umfassender Indikator für Wohlstand oder Lebensqualität, da es u.a. ökologische Faktoren wie Biodiversität nicht berücksichtigt. Für jeden US-Dollar, der in den Schutz der Natur investiert wird, fließen rund 30 US-Dollar in umweltschädliche Aktivitäten – etwa durch Subventionen (State of Finance for Nature 2026 | UNEP - UN Environment Programme). Die Umlenkung von Finanzströmen (Subventionen, Investitionen) in naturpositive Aktivitäten sei notwendig.

Was zur Verbreitung und Nutzung der Assessment-Ergebnisse benötigt wird:

  • Entscheidungsrelevante, standardisierte und zugängliche Daten für Finanzakteure und Unternehmen 
  • Standardisierte Methoden zur quantifizierten Erfassung der Auswirkungen und Abhängigkeiten der Unternehmen bezüglich der Biodiversität bzw. eine Bewertung, Priorisierung schon vorhandener Maßnahmen sowie skalierbare Maßnahmen
  • Verlässliche politische Rahmenbedingungen, die naturverträgliches Wirtschaften fördern
  • Umlenkung von Finanzströmen in biodiversitätsfördernde Maßnahmen
  • Stärkere Übersetzungsleistung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in unternehmens- bzw. sektorspezifische Handlungsoptionen im engen Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft einschließlich Finanzwirtschaft


1 Das Zeitinkonsistenzproblem bei nachhaltigen Finanzprodukten beschreibt den Konflikt zwischen langfristigen Nachhaltigkeitszielen und kurzfristigen wirtschaftlichen Anreizen. Zentrale Aspekte dieses Problems sind:
- Kurzfristige Kosten: Nachhaltige Transformation erfordert sofortige hohe Investitionen
- Langfristige Erträge: Die positiven Effekte (Risikoreduktion, stabile Renditen) treten oft erst in Jahrzehnten ein.
- Quartalsdenken: Manager und Investoren werden oft an kurzfristigen Gewinnen gemessen, was den Anreiz senkt, heute "teure" nachhaltige Entscheidungen zu treffen.